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Kunstrezension
Zwischen Form und Dao:
Eine Begegnung mit dem Osten in den Werken von Eva Koethen

Dr. Meng Schmidt-Yin



Eva Koethen ist eine Künstlerin, Theoretikerin und Pädagogin, die Kunst und Denken untrennbar miteinander verbindet.

Geboren in Heidelberg, studierte sie in München und Berlin Kunst und widmete sich zugleich eingehend der Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie. An der Ruhr-Universität Bochum promovierte sie bei dem renommierten Kunsthistoriker Max Imdahl, dessen ikonische Methode davon ausgeht, dass die visuelle Form eine eigenständige Kraft des Denkens besitzt. Diese Prägung ließ Eva Koethen früh erkennen: Form ist nicht die Hülle der Kunst, sondern die Erscheinung des Gedankens – eine Weise, wie der Mensch die Welt begreift.

Später erhielt sie eine Professur an der Leibniz Universität Hannover, leitete das Institut für Ästhetische Bildung und Kunstwissenschaft und initiierte zahlreiche internationale Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Philosophie. Für sie war Kunst stets eine Denkform – eine Brücke zwischen Wahrnehmung und Idee, ein Weg, durch die Form die Beziehungen von Zeit, Raum und Bewusstsein zu erkunden.



Aus dieser inneren Haltung heraus begann sie, sich tief von der Kunst und Philosophie des Ostens angezogen zu fühlen. Sie war berührt von der Lebensweisheit des Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus und inspiriert von jenem chinesischen Kunstverständnis, das „Form als Träger des Dao“ begreift und dem Prinzip „Dao folgt der Natur“ verpflichtet bleibt. Sie erkannte, dass die ästhetische Kraft des Ostens nicht im Ausdruck des Willens liegt, sondern im Sich-Fügen in das Natürliche; nicht in Kontrolle, sondern in einer feinen Bereitschaft zu schauen, zu lauschen und die Dinge in ihrem eigenen Rhythmus hervortreten zu lassen. In dieser Sichtweise ist der Künstler nicht Schöpfer, sondern Hörender der Welt – einer, der den Dingen erlaubt, ihre Gestalt und Bedeutung selbst zu entfalten.

Dieser geistige Ruf führte sie dreimal nach China. Während ihrer Reisen ließ sie die Welt mit den Augen einer Künstlerin auf sich wirken; im Gehen und im Schauen verwandelte sie das Erlebte in künstlerische Form. In ihrem Werk spiegeln sich Sein und Form, Wahrnehmen und Hervorbringen gegenseitig. Koethen versteht das künstlerische Schaffen nicht als Darstellen, sondern als fortwährende Ergründung der Frage, wie Erscheinung überhaupt entsteht. Ihre Überlegungen scheinen auf einen Ursprung zu zielen: Woher kommt die Form? Wie tritt Wirklichkeit hervor? Aus der Textur des Materiellen? Aus dem Fluss des Lichts? Oder im Zusammentreffen von Natur und Technik?

Diese Fragestellungen gehören nicht nur zum philosophischen Kern der modernen Kunst,sondern korrespondieren auch mit Denkweisen, die die chinesische Kunst seit Jahrhunderten prägen. Eva Koethen lauscht der Sprache der Dinge, folgt den Linien des Lichts und berührt auf zeitgenössische Weise jene östliche Weisheit – eine tiefe Resonanz zwischen Mensch und Welt, eine über den Raum hinausreichende Ordnung des Schönen.

Der vorliegende Text widmet sich drei Werken, die eng mit ihren China-Aufenthalten von 1993, 2014 und 2019 verbunden sind. Sie eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf ihre Begegnungen mit der östlichen Ästhetik und zeigen, wie eine westliche Künstlerin den Geist des Ostens wahrnimmt, deutet und in eine eigene Formsprache übersetzt.

„Chinesische Gesichtslandschaft im werktätigen Alltag“ (1993)




Dieses frühe Werk geht auf einen zufälligen Fund zurück. Nachdem Eva Koethen eine Fabrik besichtigt hatte, machte sie einen Spaziergang in einem nahegelegenen Wald. Dort entdeckte sie im sandigen Boden ein von den Jahren abgeschliffenes Stück Ziegel – ein unscheinbares Material. Doch auf seiner Oberfläche, gezeichnet von Zeit, Witterung und Berührung, war ein unerwartetes Bild sichtbar geworden: ein menschliches Gesicht. Es war kein vom Menschen gestaltetes Bild, sondern eine natürlich entstandene Spur. Die Künstlerin veränderte nichts; sie hat es lediglich – zufällig – gesehen. In diesem Moment des Sehens wurde das Werk geboren. Auf der Ziegelfläche empfand sie eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Ding: Die Kühle der Industrie und die Wärme des Lebendigen verbanden sich auf der stillen Oberfläche des Materials und ließen daraus ein neues Leben hervorgehen.

Diese Wahrnehmung verleiht dem Werk eine beinahe östliche geistige Anmutung. In der chinesischen Kunsttradition gilt wahre Meisterschaft nicht als Ausdruck eines durchgesetzten Willens, sondern als Prozess des Sich-Fügens in das Natürliche, als Mit-Entstehen mit den Dingen. Der Künstler bezwingt das Material nicht, sondern hört ihm zu und lässt die Form zwischen Wahrnehmung und Materialität leise hervortreten. So wie einst die alten Bildhauer den Linien und Farbtönen des Materials folgten und im Arbeiten „gemäß der Natur“ das bereits in ihm verborgene Leben zur Entfaltung brachten, so begegnete Eva Koethen dem „Gesicht“ auf dieser Ziegelfläche. Sie legte dem Material keine Bedeutung auf, sondern ließ die Bedeutung selbst erscheinen.

„Marks of Berlin“ (2014)




Zwanzig Jahre später richtete Eva Koethen ihren Blick auf die Stadt. Es war eine andere Art von Landschaft – ohne Berge und Wasser, und doch erfüllt vom Atem und Fließen der Zeit. Auf Einladung des Shaanxi Province Art Museum entstand das dreiteilige fotografische Werk Marks of Berlin, in dem sie die Wanderung des Lichts über die Oberflächen der Metropole festhält. Das Licht streift über Glas und Neon, gleitet an Schaufenstern und Straßen entlang und hinterlässt zwischen den strengen Strukturen der Architektur einen poetischen Nachhall.

Diesmal entdeckte sie nicht mehr die Gestalt eines Dings, sondern die Flüchtigkeit des Lichts selbst. Der Moment des Aufleuchtens glich dem Fließen des „Qi“ – lebendig im Wechselspiel zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Ihre Fotografie sucht nicht das Festhalten, sondern

das Lauschen: ein Hinhören auf den Atem des Lichts, damit dessen kurze Erscheinung im Bewusstsein eine Spur hinterlässt.

Hier ist die Kamera nicht nur ein Werkzeug des Aufzeichnens, sondern eine Denkweise. Sie bewegt sich zwischen „Gefundenem“ und „Gebautem“: Einerseits fängt sie den Zufall der Lichtspuren ein, andererseits gestaltet sie durch Komposition und Rhythmus die Wirklichkeit neu. Zwischen beiden Polen findet die Künstlerin ein feines Gleichgewicht – sie beherrscht die Welt nicht, lässt sie aber auch nicht einfach geschehen, sondern erfährt das Entstehen von Ordnung im Miteinander.

Diese Haltung erinnert an das chinesische ästhetische Prinzip des „Leerraums“ (Liubai 留白). Leere ist kein Mangel, sondern eine Form der Zurückhaltung und des Respekts; sie lässt Licht und Luft atmen und schenkt dem Betrachter Raum, Gedanken entstehen zu lassen. Auch in Koethens Fotografien öffnen sich solche Zwischenräume: Sie füllt das Bild nicht aus, sondern lässt das Licht der Stadt selbst sprechen.

Unter ihrem Blick wird Berlin neu sichtbar. Es erscheint nicht mehr als ein Gefüge aus Straßen und Gebäuden, sondern als in Lichtströme aufgelöste, bewegte Stadtlandschaft. Spiegelungen im Glas, das Wandern der Schatten, der Glanz feuchter Straßen – all dies weckt in ihrem wechselnden Aufscheinen eine tiefe Lebendigkeit.

Marks of Berlin zeigt daher nicht nur einen geografischen Ort, sondern einen Zustand des Daseins. Licht vergeht im Bewegen und erneuert sich im Vergehen. Die Stadt birgt Wandel im Beständigen und bewahrt ihr Maß im Wandel.

Dieses Erleben von „Bewegung im Stillen und Stille in der Bewegung“ entspricht dem chinesischen Gedanken des „Großen Einklangs“ (Taihe 太和), der die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Mensch betont. Licht erscheint hier nicht nur als physikalisches, sondern als geistiges Medium: Es verwandelt den Wandel der Welt in sichtbare Poesie und verleiht der modernen Stadt Atem und Seele.

„Hommage an das Zhangjiajie-Gebirge“ (2019)




In diesem Werk kehrt Eva Koethen erneut zum Thema der Landschaft zurück. Doch die Landschaft, die sich ihr hier zeigt, ist nicht mehr reine Natur, sondern ein Bildraum, der in enger Symbiose mit moderner Technik steht.

Die Arbeit besteht aus zwei Fotografien und einem zentralen Miniatur-Objekt aus realen Materialien. Baumrinde, Plastik, Steine und andere gefundene Dinge greifen ineinander und bilden eine Struktur, die zwischen Natur und Artefakt oszilliert. Die Künstlerin bringt diese materiellen Elemente in eine visuelle und geistige Resonanz mit den Fotografien, sodass Form und Textur einander antworten.

Das Gebirge steht als Sinnbild ursprünglicher Natur – für Ursprung und Dauer. Aufzüge und Plattformen hingegen verweisen auf menschliche Konstruktion, auf Erreichbarkeit und Bequemlichkeit. In dieser Verflechtung erscheinen Natur und Artefakt nicht als Gegensätze, sondern bilden gemeinsam eine neue Ordnung: eine Welt, in der menschliche Erfahrung und natürliche Kräfte einander durchdringen.

Die Bezeichnung „Hommage“ gilt daher nicht nur der Natur selbst, sondern auch dem Geist der chinesischen Landschaftsästhetik. In der chinesischen Wahrnehmung sind Berge und Wasser nicht bloß Szenerie, sondern Spiegel der Seele, Orte des Dialogs zwischen Mensch und Kosmos, Stätten des geistigen Wohnens.

In Koethens Arbeit wird diese Resonanz zwischen „Qi“ und Form spürbar. Westliche Rationalität und östliche Intuition atmen im selben Bildraum. So werden die bizarren Gipfel von Zhangjiajie nicht nur als majestätische Erscheinung erfahrbar, sondern als Symbol: Hier kreuzen sich die Kräfte der Natur, die Tiefe der Zeit und die schöpferische Imagination des Menschen.

Dieser Dialog führt ihre Kunst über geografische und zeitliche Grenzen hinaus in eine universelle Perspektive. Das Werk zeigt nicht nur äußere Gestalt, sondern eröffnet ein Nachdenken über das Sein selbst – darüber, wie wir zwischen Natur und Technik ein neues Maß von Balance und Ehrfurcht finden können.

Schlusswort: Von der Erscheinung zum Innersten



Wenn wir diese drei Werke nebeneinander betrachten, entfaltet sich eine Spur, die von der äußeren Erscheinung zum innersten Erleben führt: vom auf einer Ziegelscherbe aufscheinenden „Antlitz des Menschen“, über die im Stadtlicht eingefangenen „Spuren der Wahrnehmung“, bis hin zur „neuen Landschaft“, in der Natur und Technik ineinandergreifen. Es ist ein Weg, der vom Finden zum Erkennen führt – und zugleich ein Weg, der westliche Erfahrungen mit östlicher Weisheit verbindet. Eva Koethens Kunst erinnert uns daran, dass die Bedeutung der Kunst nicht im Spektakel liegt, sondern im stillen Blick, der der Welt erlaubt, sich selbst zu zeigen. Sie führt uns zurück zur Einsicht, dass wahre Schönheit nicht erschaffen, sondern gesehen wird. Denn wie die chinesische Kultur lehrt: Große Zivilisationen entfalten ihre Kraft nicht im Lärm, sondern in einer tiefen, tragenden Stille; und wahre Schönheit liegt nicht in monumentaler Form, sondern in einer inneren Ordnung, die Gleichgewicht und Harmonie birgt. In Eva Koethens Werk erhält diese aus China stammende Weisheit eine zeitgenössische Gestalt. Zwischen Licht und Material bekräftigt sie die Symbiose von Mensch und Natur – und erweist in der leisen Sprache der Kunst einer weiten und zeitlosen Welt ihre Ehre.



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