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Ästhetik im Alltag: Eindrücke von einer Chinareise

Text: Karl-Heinz Pohl Aus dem Deutschen : Li Yening

Wie jedes Mal bin ich auch dieses Jahr mit nachhaltigen Eindrücken von meiner vierwöchigen China-Reise zurückgekehrt. Da ist nicht nur die überall sichtbare technologische Fortschrittlichkeit des Landes, sondern auch eine neue Allerweltsästhetik, in der traditionelle Elemente mit von außen bezogenen Einflüssen auf unerwartete Weise miteinander verschmelzen. Meine Reise führte mich von Wuhan - meiner Basis in China seit mehr als drei Jahrzehnten - nach Macau, Zhuhai, Xiamen und Putian, wo ich an großen und sehr beeindruckenden Festivitäten für die dort verehrte Göttin Mazu teilnehmen konnte (siehe hierzu auch Roderich Ptak in Heft 2024-2 „Meer“)

Mode

Es beginnt oft beiläufig, fast unmerklich. Auf einem Platz vor einem Einkaufszentrum steht eine Gruppe junger Frauen, sorgfältig gekleidet in Hanfu 汉服 – also traditionellen chinesischen Kleidern: fließende Stoffe, lange Ärmel, gedämpfte Farben. Sie lachen, ordnen einander die Haare, wechseln die Perspektiven ihrer Smartphones. Ein paar Meter weiter gehen Jugendliche vorbei, in Oversized-Hoodies, Sneakers internationaler Marken, Kopfhörer auf den Ohren. Und doch verbindet beide Gruppen mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Sie sind Teil desselben urbanen Alltags, derselben visuellen Gegenwart, in der sich Tradition, Globalität und individuelles Spiel miteinander verschränken.

Gibt es hier etwa Anzeichen – stark visuell geprägt – eines neuen chinesischen Lebensgefühls? Eine erstaunliche Offenheit, sogar Gelassenheit? Wie sich junge Menschen heute kleiden, erzählt viel über ihr Selbstverständnis. Das inzwischen bekannt gewordenen Hanfu-Revival ist real, aber es ist kein homogener Trend. Für manche ist Hanfu tatsächlich eine Form der Kostümierung, getragen zu besonderen Anlässen, für Fotoshootings oder Spaziergänge an historischen Orten. Für andere fließen einzelne Elemente davon ganz selbstverständlich in den Alltag ein.

Neben dem Hanfu-Revival scheint sich ein „New Chinese Style“ 新中式etabliert zu haben, der weniger eindeutig zu benennen ist. Er ist hybrid, offen, bewusst unklar. Traditionelles trifft auf globale Streetwear-Ästhetik. Das Ergebnis ist eine Gegenwart, in der vielfältige Referenzen miteinander verschmelzen. Internationale Modetrends und lokale Bezüge existieren nebeneinander, oft im selben Raum. Was beeindruckt, ist nur die Leichtigkeit, mit der diese Kombinationen entstehen. In der traditionellen chinesischen Ästhetik, meinem eigenen Forschungsfeld, mag man sich mit bildlichen Mustern beschäftigen: mit Linienführungen, Proportionen, der Beziehung von Fülle und Leere, von Ornament und Struktur. Diese Muster scheinen im Alltag wieder aufzutauchen, jedoch in veränderter, spielerischer Form.



Architektur


Nicht nur in der Mode, sondern auch in der Architektur und im Innenraumdesign wird vieles ausprobiert. Im Ciqikou-Distrikt von Chongqing z.B. sah ich eine ganze Reihe von Cafés, die in ihrer originellen Kombination von Alt und Neu höchst einladend wirkten – am liebsten wäre ich in jedes von ihnen hineingegangen. Diese neue Art von chinesischem Stil verkörpert einerseits die ostasiatische Designsprache mit ihren Elementen der Reduktion, des Freiraums und der Symbiose von Alt und Neu, andererseits ist sie tief in der lokalen Tradition verwurzelt. Er begegnet einem meist in Teestuben, kleinen Läden, Ateliers – besonders beeindruckend für mich zu erleben im letzten Jahr in der Hauptstadt der Porzellan- und Keramikherstellung: Jingdezhen. Die dortige Vielfalt an eigenwilligen, jedoch geschmackvoll eingerichteten Boutiquen und Ateliers war überwältigend (siehe hierzu Heft 2024-4 „Porzellan“). Dazu kam die Übernachtung in einem direkt am Rand dieses Areals gelegenen Hotels, das von David Chipperfield entworfen wurde, und das ich zu den originellsten und ästhetisch ansprechendsten Hotels zählen würde, in denen ich je übernachten durfte. Es heißt Taoxichuan (陶溪川酒店, dt. Hotel am Keramik Bach-Strom) und reflektiert in seinem schlichten Ziegelstein-Bau die Formen der stillgelegten bzw. in Boutiquen und Ateliers umfunktionierten alten Porzellanfabriken. Gleichzeitig besitzt es ein einzigartiges Zusammenspiel von Höfen, Durchgängen, Innen- und Außenräumen, das eine stille, fast kontemplative Atmosphäre bewirkt. Insofern ist es ein zeitgenössisches Designobjekt, das einerseits dem Ort, seiner Geschichte und seinem Handwerk gerecht wird, andererseits aber auch beispielhaft für den Akkord steht, der heute in China von Alt und Neu, von Chinesischem und Westlichem gebildet wird.



Stadtgestaltung


Dazu paart sich ein auffälliger Trend in der Stadtgestaltung, der sich in Parks, Grünflächen und einer neuen Form von Ökoästhetik ausdrückt (siehe auch Gezi im Heft 2025-4 „Wald“). So sieht man zum Beispiel eine großzügige Begrünung und Blumengestaltung entlang fast aller Stadtautobahnen, die in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Daneben entstehen in vielen Städten großzügige öffentliche Grünräume, renaturierte Flussufer, begrünte Dächer - ein besonders spektakuläres Beispiel in Shanghai wäre Tianan Qianshu (天安千树) des englischen Architekten Thomas Heatherwick - und Spazierwege, die bewusst als Orte des Verweilens entworfen sind.

Wuhan hat sich in dieser Hinsicht ebenfalls eindrucksvoll entwickelt (siehe Heft 2024-3 „Wuhan“). Das heutige Stadtbild ist Welten entfernt von seinem Erscheinen seit meinem ersten Besuch dort im Jahre 1993 – schön gestaltete Parks, wohin das Auge blickt – mit und ohne Chu-Kultur, vor allem um den berühmten Ost-See herum; das Flussufer des Yangtses in Hankou kilometerweit in einen Jiangtan (江滩) genannten Park verwandelt, in dem abends getanzt, Aerobic oder Taiji geübt wird.

Auch hier tauchen bekannte Gestaltungsmuster der traditionellen chinesischen Gartenarchitektur auf – das Spiel von Offen- und Geschlossenheit, von natürlicher Landschaft und künstlerischer Formung –, doch sie erscheinen zeitgenössisch übersetzt. Junge Menschen nutzen diese Parks selbstverständlich: zum Spazierengehen, Fotografieren, Picknicken, oder einfach als ruhigen Hintergrund für Selbstinszenierung. Ökologie erscheint dabei nicht als Verzicht auf technischen Fortschritt, sondern als visuelle und atmosphärische Bereicherung des urbanen Lebens.

So verändern sich die Städte spürbar. Die Vielfalt an neuen und bisweilen architektonisch gewagten Bauten ist überwältigend – z.B. das neue Opernhaus in Zhuhai; aber man spürt auch einen Trend zum Bewahren. Wo früher Abriss und Neubau dominierten, sieht man heute vielerorts einen anderen Umgang mit bestehender Bausubstanz. Alte Fabriken, Wohnhäuser oder Lagerhallen werden umgebaut, nicht ersetzt. Sie verwandeln sich in Szeneviertel mit Cafés, Galerien, kleinen Geschäften, wie gerade in Xiamen beobachtet. Die Patina bleibt sichtbar, wird nicht versteckt, sondern bewusst integriert. Diese Orte erzählen Geschichten, ohne museal zu wirken. Sie sind Teil eines urbanen Lebensgefühls, das Vergangenheit nicht tilgt, sondern weiterverarbeitet.



In Wuhan, wo ich schon mehr als zwei Dutzend Mal gewesen bin, lernte ich zum ersten Mal das Tanhualin-Viertel (昙华林) kennen, das sich – stark von TCM-Kultur und Architektur geprägt – zu einem beliebten Szeneviertel entwickelt hat. Das Viertel liegt im Bezirk Wuchang und war historisch ein Zentrum für Bildung, Kultur und auch medizinische Einrichtungen. Viele gut erhaltene Gebäude mit fast hundertjähriger Geschichte sind dort zu finden, darunter auch ehemalige Apotheken, Kliniken und Praxen, die mit der traditionellen chinesischen Medizin in Verbindung stehen. So gibt es dort auch ein Haus (als Restaurant), das mit dem berühmten Schriftsteller Qian Zhongshu (1910-1998) verbunden ist. So wie Qian repräsentativ für das Zusammenspiel von Chinesischem und Westlichem in der modernen Literatur steht, steht das Tanhualin-Viertel auch beispielhaft dafür, wie chinesische und westliche Architekturelemente nebeneinander bestehen und ein literarisch-kulturelles Ambiente erschaffen können. In den letzten Jahren wurde Tanhualin restauriert und mit Cafés, Galerien, Boutiquen und Kulturstätten angereichert, wodurch es zu einem lebendigen Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen geworden ist.

Weitere beeindruckende Beispiele einer Rückkehr zur Tradition sind Städte wie Datong oder Xi’an: die groß angelegten Renovierungen historischer Stadtkerne im antiken Fanggu-Stil (仿古) sind nicht unumstritten, doch sie zeigen einen deutlichen Wandel im Umgang mit Geschichte. Sie beweisen, dass die chinesische Kulturtradition nicht länger verdrängt wird, vielmehr wird ihr nun verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt – eine aus meiner Sicht positive Entwicklung, die vielleicht auch etwas mit der großen Politik zu tun hat. Seitdem sind allerorts neue und bisweilen architektonisch großartige Museen entstanden.

In dieser neuen Allerweltsästhetik Chinas gehen Rekonstruktion und Inszenierung Hand in Hand. Junge Menschen flanieren, fotografieren sich, trinken Kaffee vor alten Mauern. Geschichte wird zur Bühne, aber auch zum sozialen Raum. Die allgegenwärtigen Selfies und Gruppenfotos sind dabei Teil einer visuellen Praxis, in der man sich in Beziehung setzt – zu Orten, zu Traditionen, zu Bildern von Vergangenheit und Gegenwart. Und so ist es auch nicht von ungefähr, dass das Fotoshooting in Hanfu-Kleidung besonders stark in im antiken Stil rekonstruierten Orten wie Xi’an zu beobachten ist.

Die Tradition erscheint in diesem Kontext jedoch nicht als Rückschritt. Sie wird nicht beschworen, um etwas zu konservieren, sondern genutzt, um Neues zu schaffen. Diese ästhetische Wiederaneignung ist kein theoretisches Projekt, sondern gleichsam ein aktuell stattfindendes Happening, wobei Globalisierung kein Gegenpol zur Tradition darstellt, sondern ihren Kontext bildet.

Mich begleitet bei meiner letzten Chinareise ein Gefühl von Wiedererkennen und Überraschung zugleich. Hier, im gelebten Alltag, sind traditionelle Muster beweglich geworden, anpassungsfähig, manchmal sogar verspielt. Vielleicht liegt darin ihre Stärke. Mir wird bewusst, wie sehr sich hier etwas verschoben hat. Nicht laut, nicht programmatisch, sondern Schritt für Schritt. Eine visuelle Kultur entsteht, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist, ohne von ihnen fixiert zu sein. Eine Kultur, die Tradition nicht als Grenze versteht, sondern als Material, und die gerade dadurch neue, überraschende Bilder von Gegenwart hervorbringt.

Der Artikel ist der zweimonatlich erscheinenden deutsch-chinesischen Ausgabe des Magazins „Konfuzius-Institut“, Februar 2026 (Gesamtausgabe Nr. 65), entnommen.



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